Ein neuer Blick aufs Altern

Als Gisela Gehrman im Jahr 2005 "Schickes Altern" eröffnete, wollte sie eine Anlaufstelle für aktive Menschen in der Lebensmitte schaffen.

Als Gerontologin hat sie meistens mit den Defiziten des Alters zu tun. Sie berät bundesweit Ministerien, Bildungs- und Pflegeeinrichtungen, schreibt Konzepte und entwickelt Projekte. Ein aktuelles Beispiel ist ein Nachbarschaftshilfe-Projekt im Potsdamer Viertel Kiewitt, das sie zusammen mit den örtlichen Wohnungsbaugenossenschaften organisiert und koordiniert: jüngere Mieter behalten ältere Bewohner im Auge und helfen, wenn nötig. Das Projekt gilt als regionales Leuchtturmprojekt. Es soll ein Signal für ein verändertes Miteinander der Generationen setzen.

Positive Alterserscheinungen
Obwohl sie selbst mit Mitte 40 klassische Alterserscheinungen wie abnehmende Belastbarkeit fest stellte, merkte sie erstaunt, wie viele gute Seiten das Älterwerden hat. Sie fühlt sich sicherer, sozial "angekommen", mitten im Leben und kann ihre große Familie genießen, ohne mit familiären Verpflichtungen belastet zu sein (mit 52 ist sie bereits fünffache Großmutter!). Obwohl sie und ihr Mann sich gerne und oft um die Enkelkinder kümmern, fühlt sie sich selbst bestimmt und genießt ihre "zweite Jugend". Ähnliches beobachtet sie in ihrem Umfeld: viele Altersgenossen möchten gar nicht jünger sein, sondern schätzen die Qualitäten dieser Lebensphase. Gisela Gehrmann findet, dass man sich mit 50 und mehr Jahren wie die Giraffe in ihrem Firmenlogo fühlen kann: gelassen über den Dingen stehend. Ihr ehrgeizigstes Ziel: sie will erleben, wie ihr Enkel Opa wird … wenn man selbst mit 45 Großmutter geworden ist und der 7jährige Enkel genauso schnell ist wie sie selbst, kann das rechnerisch funktionieren … und den Laden möchte sie noch mindestens 30 Jahre führen, bis sie sich dann zur Ruhe setzt und einige Jahr Urlaub macht!

Wann ist man alt?
Sie weiß aber genau, dass das Wort "Alter" für viele negativ besetzt ist, und so steht sie immer wieder vor der Frage, wie man Menschen ab 50 nennen kann, soll und darf. Ihr persönlich kommt das Wort "Senior" erst bei Menschen ab 65 über die Lippen. Aber selbst in dieser Gruppe hat sie schon so viele "Flotte" kennen gelernt, so dass es nicht passend erscheint. Viele wollten das Wort "Alter“ ganz vermeiden, aber für sie selbst ist "Junge Alte" ein Begriff, mit dem sie sich identifizieren kann … eigentlich aber sei der passende Begriff für ihre Altersgruppe – aktive Menschen 50plus- noch nicht gefunden. Sie ist mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass man erst dann alt ist, wenn man nicht mehr aktiv ist – und das ist oft erst in den 80ern der Fall. Aber dann, findet sie, muss man auch dazu stehen, "alt" zu sein, denn das sei schließlich kein Schimpfwort.

Vor einigen Jahren hat sie den lang gehegten Traum vom "Haus mit lauter schicken Angeboten für Ältere" umgesetzt und gründete ihren Laden, in dem sie sich auf die positiven Seiten des Älterwerdens konzentriert. Sie will sich bewusst von den traditonellen Seniorenstrukturen absetzen. Ihrer Erfahrung nach sind die Hauptanliegen von älter Werdenden: sich gesund zu erhalten, sich zu bewegen und sich zu informieren. Nach diesen Kriterien gestaltete sie das Vortrags- und Sportprogramm.

Themen der Vorträge sind zum Beispiel körperliche und mentale Alterungsprozesse und wie man sie verlangsamen kann. Viele Themen besetzt die gelernte Krankenschwester, Medizinpädagogin und Gerontologin selbst, bietet auch einen Gesundheitscheck an und gibt konkrete Ratschläge zur Verbesserung der körperlichen und seelischen Gesundheit. Externe Referenten wie Ärzte, Chirurgen, Chinesische Heilkundler, aber auch Kosmetikerinnen, decken weitere Themen ab (letztere zum Beispiel stellte ein "Business Make-up 50plus" vor). Zum Sportangebot gehört Walken, Joggen, Yoga und Tischtennis. Als Unternehmerin muss sie wirtschaftlich denken, weiß aber auch, dass sich viele Menschen ungern binden und fesselt sie nicht mit langfristigen Verträgen an ihre Kurse. Ihre Kunden können sich ihr Angebot an Bildung, Gesundheit oder Sport individuell kaufen. Das Publikum ist oft zu ihrer Überraschung bunt gemischt: zu manchen Veranstaltungen kommen auch 20jährige, zu manchen 80jährige.

Am liebsten würde sie ihr Berufsleben vollständig hierher verlegen, da die Räume aber noch nicht ganz ausgelastet sind, betreibt sie vorerst weiter den Spagat zwischen Fremd-Aufträgen und ihrer Selbstständigkeit.

Kooperationspartner
Freie Aufträge gehen dabei oft in Kooperationen mit "Schickes Altern" über. Sie ist gut vernetzt, zu ihren Kooperationspartnern gehören beispielsweise das Gesundheitsamt, das örtliche Krankenhaus, der Verein Soziale Stadt, örtliche Wohnungsbaugesellschaften, aber auch kleinere Institutionen wie Kosmetikstudios, Heilpraktiker, selbständige Präventologen und Pysiotherapeuten.

Ihr Problem scheint weniger zu sein, zu wenig Projektideen zu haben, sondern zu wenig Zeit, diese alle umzusetzen. So würde sie zum Beispiel gerne ihre Idee von der Großelternschule verwirklichen, kann aber nicht alle Projekte gleichzeitig vorantreiben. Ihre Idee ist, dass viele Großeltern die Probleme von jungen Familien nicht selbst kennen gelernt haben: Schulschwänzerei, Drogenmissbrauch, Scheidung, alternative Schulmodelle. Trotzdem wollten sie das Leben ihrer Enkel verstehen und mitgestalten. Dort will sie ansetzen und Großeltern zu verschiedenen Themen "unterrrichten".

Ihr Hauptanliegen ist, dass die Generationen einander helfen und dass jede Lebensphase mit seinen spezifischen Qualitäten wert geschätzt wird. An diesem Ziel arbeitet sie beruflich und privat. Die Botschaft wird gehört: das Medienecho auf die Projekte, in die sie involviert ist, ist sehr gut. (Cornelia Neumann)

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