Neue Chance bei der Jobsuche

Die Qualifizierungsinitiative 4020/2010 verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: bis 2010 über 4000 arbeitslose Fachkräfte wieder in Lohn und Brot zu bringen. Für deren Gründer Dieter Reitmeyer ist vor allem die Einstellung der Bewerber wichtig.

Neue Chance bei der Jobsuche

Gerhard Bergmann

Gerhard Bergmann hat es geschafft. Nach mehr als zwei Jahren Arbeitslosigkeit und über 80 Bewerbungen ist der Diplom-Ingenieur seit einem guten halben Jahr wieder fest angestellt. Der 60jährige arbeitet für die redi-Group GmbH, einem Dienstleister für Qualitätsmanagement in der Automobilindustrie mit Sitz im nordrhein-westfälischen Langenfeld. Der Thüringer sorgt als Expediter dafür, dass die Zulieferung für die Gasturbinenherstellung bei Siemens reibungslos funktioniert und reist dafür durchs ganze Land. Die Zusage hat ihn überwältigt: "Ich habe gesagt, dass kann nicht wahr sein, dass ich doch noch Glück und Erfolg habe mit meinen Bemühungen und meinem Nicht-Verzagen." Denn bei seiner Jobsuche hat er oft zu hören bekommen "Wir haben uns jemand Jüngeren vorgestellt".

Training on the job
Bergmanns Rückkehr in die Arbeitswelt gelang im Rahmen der Initiative 4020/2010. Deren Ziel ist es, über 4000 arbeitslose Ingenieure und Facharbeiter bis Ende 2010 aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Ins Leben gerufen hat sie der Gründer und Geschäftsführer der redi-Group Dieter Reitmeyer. Getrieben wurde Reitmeyer von seiner Neugier, als das Thema Fachkräftemangel aufkam und es gleichzeitig viele arbeitslose Ingenieure gab, die als unterqualifiziert galten. Er wollte wissen: "Was fehlt denen denn?" So schaltete er deutschlandweit Stellenangebote, traf über 120 arbeitslose Ingenieure und stellte fest: Ihnen fehlten Fremdsprachenkenntnisse, sie waren nicht auf dem aktuellen Stand der Technik und kannten sich nicht mit den technischen Systemen der Unternehmen aus. Reitmeyer entwickelte daraufhin das Konzept "Training on the job". Er gab 96 einen Arbeitsvertrag über ein, bildete sie auf eigene Kosten in seinem Unternehmen weiter und schickte sie zu Kundenunternehmen, die sie praktisch weiterbildeten. Zusätzlich lernten sie jeden Tag nach Feierabend drei Stunden Englisch. Der erste war nach sechs Monaten, der letzte nach 13 Monaten qualifiziert. Reitmeyer stellte 78 von ihnen fest an. Auf die Frage, welche Erfahrungen er mit den Teilnehmern gemacht hat, antwortet er einfach: "Grandios!" Er ist davon überzeugt, dass Millionen Menschen so qualifiziert werden können: "Das ist ein Modell für Deutschland."

Auch bei Bergmann kam wie bei den meisten Teilnehmern der erste Kontakt über die Bundesagentur für Arbeit zustande. Der Vortrag von Reitmeyer begeisterte ihn: "Ich habe gehört, welche Chance er den Älteren gibt, wieder in den Arbeitsprozess einzusteigen und dadurch wieder zu mehr Selbstwertgefühl und sozialer Anerkennung zu verhelfen. Da habe ich gesagt, also das hier ist etwas anderes, als ich sonst immer in den Firmen gehört habe, hier bewerbe ich mich." Aufgrund seiner beruflichen Erfahrung konnte er nach nur vier Tagen Einarbeitung voll in seine Arbeit einsteigen. Einen Englischkurs absolvierte er ebenfalls.

Glanz in den Augen
Und wie die meisten Teilnehmer ist Bergmann über 50. Das ist ein Zufall, so Reitmeyer. Denn eigentlich richtet sich die Initiative an alle Altersgruppen. "Für die Älteren ist es oft die letzte Chance im Leben." erklärt er. Auch über 50 Prozent der rund 1500 Mitarbeiter des mittelständische Familienunternehmens sind 45 und älter. Alter ist für Reitmeyer jedoch kein Kriterium: "Das Spiel in Deutschland sollte nicht alt gegen jung heißen. Das Spiel des Lebens im globalen Wettbewerb heißt sicherlich gut gegen schlecht. Diese Menschen haben den Job bekommen, nicht weil ich ein lieber Kerl bin, sondern weil sie gut sind." sagt er und fügt hinzu: "Der Mix aus alt und jung, der hat uns außergewöhnliche Erfolge gebracht." Denn dadurch wachse die soziale Kompetenz und die ist für ihn ausschlaggebend für die Motivation der Beschäftigten und damit für den Erfolg eines Unternehmens. Deshalb ist für den 53jährigen die Einstellung eines Bewerbers wichtiger als seine Zeugnisse: "Mich interessiert nie, was ein Mensch gemacht hat, sondern nur seine Augen. Ich will den Glanz in seinen Augen sehen. Es kommt nicht darauf an, was jemand heute weiß. Es kommt darauf an, ist er bereit, sich konstant zu entwickeln." Anfang kommenden Jahres startet die zweite Qualifizierungsrunde. Dann haben weitere 550 Menschen die Chance, sich zu entwickeln. Auch sie sind alle über 50. (Christina Breutner)

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