"Wir brauchen eine neue Wertschätzung erfahrener Arbeitnehmer"
Interview mit Pastor Christian Meißner, dem Bundesgeschäftsführer des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CDU/CSU
20jahre.com: Pastor Meißner, als Bundesgeschäftsführer des Evangelischen Arbeitskreises der Unionsparteien erleben und gestalten Sie das politische Tagesgeschehen direkt in Berlin. Vor welche Herausforderungen stellt der "demographische Wandel" Ihrer Meinung nach die deutsche Politik der kommenden fünf bis zehn Jahre?
Christian Meißner: Die demographische Entwicklung hat tief greifende Folgen für die einschlägigen Bereiche "Arbeitsmarkt", "Rente", "Gesundheit" und "Pflege". Wir müssen vor allem ein hinreichendes Bewusstsein dafür gewinnen, dass sich die Anforderungen an heutige Erwerbsbiographien grundlegend verändert haben. Wir brauchen eine neue Wertschätzung erfahrener Arbeitnehmer. Mit dem Steigen der durchschnittlichen Lebenserwartung und auch der Lebensqualität im Alter ergibt sich die Notwendigkeit, durchschnittlich länger arbeiten zu müssen.
20jahre.com: Gibt es dazu aus Ihrer Sicht eine Alternative?
Christian Meißner: Wer den Menschen politisch etwas anderes verspricht, handelt unverantwortlich. Daher sind die "Rente mit 67" in Verbindung mit der "Initiative 50plus" der Bundesregierung die ersten wichtigen Schritte in die richtige Richtung.
20jahre.com: Welche Chancen hat Ihrer Meinung nach die vielzitierte Generation "50plus" auf dem "älter werdenden" deutschen Arbeitsmarkt?
Christian Meißner: Ich glaube, wir sollten mittlerweile andersherum fragen: Welche Zukunft wollen wir eigentlich haben, wenn wir die Generation "50plus" in notorischer Weise vorzeitig und viel zu früh aus dem Erwerbsleben verabschieden beziehungsweise herausdrängen und gleichzeitig einen dramatischen Mangel an qualifiziertem jüngerem Nachwuchs verzeichnen müssen? Wir sind geradezu verurteilt, hier gemeinsam die richtigen politischen und gesamtgesellschaftlichen Antworten zu finden.
20jahre.com: Ist aus Ihrer Sicht damit zu rechnen, dass der "demographische Wandel" schon bei den kommenden Bundestagswahlen ein Wahlkampfthema sein wird? Immerhin wird von Politikwissenschaftlern inzwischen darauf hingewiesen, dass Wahlen in Zukunft nicht mehr ohne die Stimmen der alternden und alten Bevölkerung zu gewinnen sein werden.
Christian Meißner: Ich teile diese politikwissenschaftliche Einschätzung und kann aus meinem eigenen Arbeitsfeld heraus bestätigen, dass diese Frage in Zukunft eine immer bedeutsamere Rolle spielen wird. Das haben mittlerweile wohl alle Parteien erkannt. Die Frage ist natürlich, welchen parteipolitischen Lösungsvorschlägen und Konzepten hierbei der Vorzug gebührt. Darüber muss und wird der demokratische Wettstreit intensiv geführt werden.
20jahre.com: Die CDU hat sich in ihrem neuen Grundsatzprogramm aus dem Dezember 2007 intensiv mit der Frage nach der "Generationengerechtigkeit" befasst. Was bedeutet "Generationengerechtigkeit" für Sie?
Christian Meißner: "Generationengerechtigkeit" ist eine handlungsleitende Maxime der Politik, die zum Ziel hat, für alle Generationen in der Gesellschaft hinreichende Teilhabemöglichkeiten zu erreichen. Sie ist - wie alle Politikfelder - natürlich immer nur angemessen als Querschnittsaufgabe zu begreifen. Vom christlichen Menschenbild her, dem die Unionsparteien verpflichtet sind, geht es hier deshalb nicht nur um das Thema der Berufsarbeit im engeren Sinne. Es geht beispielsweise auch um Themen wie "Bildung", "Integration", "bürgerschaftliches Engagement" oder die Förderung von Ehe, Kindern und Familien.
20jahre.com: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat in ihrer letzten Denkschrift mehrere Thesen zu einer evangelischen Unternehmenskultur in der freien Wirtschaft aufgestellt. Wie kann aus Ihrer Sicht evangelischer Unternehmergeist heute aussehen?
Christian Meißner: Ich darf hier unseren EAK-Bundesvorsitzenden und Parlamentarischen Staatssekretär, den Bundestagsabgeordneten Thomas Rachel, zitieren: "Gerade auch vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierungsherausforderungen brauchen wir dringend eine erneuerte Kultur des verantwortlichen unternehmerischen Handels auf der Basis des christlichen Menschenbildes und eines Berufsethos, das dem christlichen Freiheitsbegriff verpflichtet ist." Die EKD-Denkschrift hat, 60 Jahre nach Einführung der Sozialen Marktwirtschaft durch Ludwig Erhard, in wirklich verdienstvoller Weise auch die protestantischen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft in Erinnerung gerufen.
20jahre.com: Pastor Meißner, wir danken Ihnen vielmals für dieses Interview.
(Mit Christian Meißner sprach Nicolas Basse)
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Christian Meißner (39) ist evangelischer Theologe und neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit beim Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU ehrenamtlicher Pastor in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). |
Der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU wurde in den frühen 50er Jahren gegründet. Er ist eine traditionsreiche Sonderorganisation innerhalb der Unionsparteien. "Brücken bauen zwischen Kirche und Politik" lautet die wesentliche Aufgabe, der sich der EAK verpflichtet sieht. Derzeit tritt der EAK für die politischen Interessen von mehr als 200.000 evangelischen Parteimitgliedern der beiden Unionsparteien ein. Dabei veröffentlicht er alle zwei Monate die seit den 50er Jahren bestehende Zeitschrift Evangelische Verantwortung (EV).
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