Wege in eine demografiefeste Personalpolitik I
Dr. Jürgen Pfister leitet den Bereich Personal und Soziales der METRO Group, eines der internationalsten und weltweit größten Handelsunternehmen. Daneben ist er Vorsitzender des Vorstands von Das Demografienetzwerk DDN, einem Zusammenschluss von inzwischen mehr als 120 Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen, die sich mit den Herausforderungen des demografischen Wandels beschäftigen.
In einer Rede auf dem "Gesundheitskongress für Unternehmen" des Fürstenberg Instituts in Hamburg im Mai 2008 stellte er die Personalpolitik seines Unternehmens vor. Hier eine Zusammenfassung der Fragestellungen und Lösungsansätze, mit dem wir Dr. Pfister die Gelegenheit geben, das demografieorientierte Konzept seines Unternehmens vorzustellen (wörtliche Zitate in Anführungszeichen):
Der demografische Wandel in Europa ist von folgenden Trends gekennzeichnet:
1.Sinkende Erwerbsbevölkerung (15-64 Jahre) um ca. 20,8 Mio. bis zum
Jahr 2030.
2. Alternde Bevölkerung: "Der Anteil der über 55-Jährigen an der
Erwerbsbevölkerung Europas wird bis 2030 um 8,7% steigen. Dagegen wird der
Anteil aller übrigen Altersklassen um ca. 20–25% abnehmen."
3. Signifikant steigende Zahl von Migranten und ihren Nachkommen.
Aus diesen Entwicklungen ergeben
sich für Wirtschaftsunternehmen sieben entscheidende Fragen und
Herausforderungen für die Zukunft:
1. Wie können Unternehmen ihren
steigenden Bedarf an qualifizierten Fach- und Führungskräften in einem
schrumpfenden Arbeitsmarkt mittelfristig sicherstellen? Das "Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung" hat kürzlich dargelegt, dass bei Fortschreibung der
heutigen Trends im Jahre 2015 allein in Deutschland mindestens 7 Millionen
qualifizierte Fach- und Führungskräfte fehlen werden.
2. Wie können Unternehmen die
Gesundheit und damit auch die "Beschäftigungsfähigkeit" ihrer
Mitarbeiter solange erhalten bis sie die reguläre Altersgrenze erreicht haben? Mit dem fortschreitenden
Alterungsprozess wird grundsätzlich auch die Zahl derer zunehmen, die
gesundheitlich eingeschränkt und nur begrenzt einsetzbar sind. Während
gegenwärtig viel Geld in die Behandlung von Krankheiten gesteckt wird, werden
Firmen zukünftig mehr und mehr Präventionsmaßnahmen zur Gesunderhaltung
ergreifen müssen – diese Entwicklung hat bereits begonnen.
3. Die geburtenstarken Jahrgänge der "Babyboomer" (1945-65) werden ab 2010 verstärkt aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Wie können Unternehmen gewährleisten, dass ihr Wissen und ihre Erfahrungen an jüngere Kollegen weiter gegeben und damit gesichert werden?
4. Wie können Unternehmen die Weiterbildung aller Mitarbeiter über die Dauer ihres gesamten Berufslebens sicherstellen? "Im Zuge der Wissensintensivierung und des raschen Wissensverfalls ist grundsätzlich von höheren und immer wiederkehrenden Lernanforderungen und Anpassungsprozessen für alle Arbeitnehmer auszugehen." Diese Anforderungen müssen von einer steigenden Anzahl älterer Beschäftigter bewältigt werden. Die betriebliche Weiterbildung und Kompetenzentwicklung ist in vielen Unternehmen aber immer noch ein Jugendphänomen: Nur 5% der 50-55jährigen und nur 1% der 55-60jährigen nahmen im Jahre 2005 an betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen teil.
5.Wie können Unternehmen Vorurteile gegenüber dem Alter entkräften und Anlässe zur Altersdiskriminierung beseitigen? Neben negativen Altersstereotypen nennt Pfister "Frühpensionierungsmodelle und altersabhängige Besitzstandsregelungen (z.B. beim Kündigungsschutz oder bei Zulagen und Eingruppierungen in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen)“ als beschäftigungshemmende Faktoren, die ältere Arbeitnehmer nach wie vor an der Teilhabe vom Arbeitsleben ausschließen und an der beruflichen Entwicklung hindern.
6. Wie können Unternehmen eine Kultur entwickeln, in der Beschäftigte mit verschiedensten ethnischen Hintergründen und aus unterschiedlichen Generationen produktiv zusammenarbeiten? Der demografische Wandel wird dazu führen, dass die Erwerbsbevölkerung ethnisch heterogener wird und dass die Generationenvielfalt in den Betrieben zunehmen wird.
7. Die siebte Frage, die Unternehmen sich stellen sollten, ist, wie sie "eine Kultur der wechselseitigen Wertschätzung entwickeln, in der alle Mitarbeiter engagiert arbeiten und signifikant zur Wertschöpfung beitragen“ können. Jürgen Pfister erläutert diese Herausforderung folgendermaßen: "In einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft läßt sich Hochleistung unter den Bedingungen eines zunehmend knappen Potentials von qualifizierten Fach- und Führungskräften immer weniger durch Mittel der extrinsischen Motivation (materielle Anreizsysteme) und Kontrolle organisieren. Von den 35 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland arbeiten nur 12% motiviert in ihrem Unternehmen; mehr als zwei Drittel machen Dienst nach Vorschrift, und jeder Fünfte hat innerlich bereits gekündigt (jüngste Daten aus "Der Spiegel" 17/2008). Die Wertschöpfungsprozesse der Zukunft erfordern weit mehr als die bloße "Anwesenheit" der Mitarbeiter; wissens- und dienstleistungsbasierte Unternehmen sind vielmehr zwingend auf engagierte und emotional gebundene Mitarbeiter angewiesen".
Soweit zu den Herausforderungen an
Unternehmen. Wie die Antworten auf diese Fragen und Herausforderungen aussehen
können, erfahren Sie im zweiten Teil.
Zur Person:
Dr. Jürgen Pfister leitet den Konzernbereich
"Personal & Soziales" (Corporate Human Resources Management) der
METRO Group in Düsseldorf seit August 2003. Nach Abschluss des
Soziologiestudiums in Frankfurt/M mehrjährige Tätigkeit in der
sozialwissenschaftlichen Forschung mit den Schwerpunkten Bildungs- und
Organisationsforschung. Im Anschluss an die Promotion 1986 Wechsel als
Werkspersonalleiter zur Mars GmbH. Seit 1989 tätig in leitenden Funktionen des
Personal- und Organisationsmanagements in nationalen und internationalen
Unternehmen der Konsumgüterindustrie, des Pharma-Großhandels sowie der Chemie-
und der Pharmaindustrie. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zur
Gestaltung des demographischen Wandels sowie zu Rolle, Aufgaben und
Organisation des Human Resources Mangements und der Führung in internationalen
Unternehmen. Seit 2002 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats und Dozent an
der Düsseldorf Business School. Aufnahme in die Liste der "10 führenden
Personalmanager“ der Zschr. Personalmagazin im September 2007. Verleihung des
Bundesverdienstkreuzes im April 2008 für Verdienste um die betriebliche
Ausbildung behinderter Jugendlicher und die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer.
Seit März 2008 Vorsitzender des Vorstandes des im Jahre 2006 gegründeten
Unternehmensnetzwerks ddn (Das Demografie Netzwerk).
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