Wer sich wohl fühlt, leistet mehr
Das Unternehmen Westfalia-Automotive steht wie so viele andere vor den Herausforderungen des demografischen Wandels. Mit Hilfe des Projektes "demoBiB" will es die Beschäftigungsfähigkeit seiner Mitarbeiter verbessern.
Die Entwicklung und Herstellung von Anhängerkupplungen für PKW ist das Geschäft der Westfalia-Automotive GmbH im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück. Rund 40 Prozent der 700 Mitarbeiter sind 40 Jahre und älter. Seit einem Jahr beschäftigen sich Betriebsrat und Unternehmensführung mit dem Thema alternsgerechtes Arbeiten. Anlass war der hohe Krankenstand und der Vorschlag der Geschäftsführung, die Höhe von Urlaubs- und Weihnachtsgeld an die Zahl der Krankheitstage zu koppeln. Mit Hilfe der AOK führte der Betriebsrat eine Analyse durch, die ergab, dass fast 80 Prozent der Krankmeldungen auf Skeletterkrankungen wie Bandscheibenvorfälle, Ausrenkungen und Ermüdungserscheinungen in den Gelenken beruhen. Zurückzuführen ist das auf die hohe Belastung durch hohe Gewichte und falsches Tragen, erläutert Hubert Markmann, der Betriebsratsvorsitzende von Westfalia-Automotive. Über die IG Metall kam der Kontakt zur Technologieberatungsstelle beim DGB NRW e.V. und dessen Projekt "Betriebliche Beschäftigungsfähigkeit im demografischen Wandel" (demoBiB) zustande. Als Partnerbetrieb von demoBiB will Westfalia-Automotive die Beschäftigungsfähigkeit seiner Mitarbeiter verbessern und die Herausforderungen des demografischen Wandels und alternder Belegschaften meistern.
Handlungsbedarf
Dass es einen großen Handlungsbedarf gibt, stand bereits nach den ersten Gesprächen mit demoBiB-Mitarbeitern fest. "Man kann nicht einfach sagen, ich möchte jetzt, dass die Leute von den Skeletterkrankungen befreit werden, sondern man muss auch dahin kommen, dass die, die später mal bis 60, 67 arbeiten müssen, das langfristig auch machen können und wollen." beschreibt der Betriebsratsvorsitzende das Ziel des Projektes. Zur Zeit führt Westfalia-Automotive zusammen mit demoBiB einen Unternehmenscheck durch, der Themen wie Gesundheit, Kompetenz und Anforderungen des Arbeitsplatzes zum Inhalt hat. "Erst mal geht es darum, was haben wir für eine Mannschaft, was können die?" sagt der 49jährige. Handlungsbedarf sieht er für alle Mitarbeiter, egal ob Ungelernte, Facharbeiter oder Ingenieure. Nachwuchsprobleme hat das Unternehmen heute schon bei Technikern und Ingenieuren. Das führt dazu, dass Westfalia-Automotive mittlerweile wieder ältere Arbeitnehmer einstellt. Den größten Handlungsbedarf sieht Markmann aktuell bei der rückenfreundlichen Gestaltung der Arbeitsplätze und der Weiterbildung älterer Mitarbeiter. Da das Unternehmen international tätig ist, werden Sprachkenntnisse im Vertriebsbereich immer wichtiger.
Maßnahmen
Erste Maßnahmen hat das Projekt bereits zur Folge. So wurden in der Produktion Hebehilfen wie Tragroboter, ergonomische Sitzplätze und Höhen verstellbare Tische eingeführt und die Beleuchtung am Arbeitsplatz verbessert. Außerdem wurden Arbeitsabläufe verändert, um Arbeitswege und damit die körperliche Belastung zu verringern. Die Mitarbeiter sind wesentlich zufriedener und sagen, "das ist das, was ich eigentlich schon seit 30 Jahren haben wollte", so Markmann. Anfangs betrachteten die Beschäftigten die Veränderungen jedoch mit Skepsis. Seiner Erfahrung nach denken Mitarbeiter ab 55 eher über die Rente nach; nur wenige machten sich Gedanken, wie sie ihre Arbeit organisieren könnten, um sie bis 67 ausüben zu können. Wichtig ist für den 49jährigen, dass die Wünsche und Vorstellungen der Mitarbeiter mit einbezogen werden. So gibt es im Rahmen von demoBiB Gruppen zu Themen wie "Gesundheitsschutz für Arbeitnehmer" oder eine andere, die sich mit der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Pausenräumen im geplanten Neubau des Innovationszentrums beschäftigen. Ein weiteres Ergebnis ist die Flexibilisierung der Arbeitszeitgestaltung für die Entwicklungsabteilung. Die Mitarbeiter können je nach Arbeitsanfall und persönlichen Bedürfnissen ihre täglichen Arbeitszeiten festlegen.
Vorteile für beide
Für den Betriebsratsvorsitzenden sind das jedoch nur erste Schritte: "DemoBiB ist ein Projekt, das über Jahre gelebt werden muss, das muss Teil der Unternehmensphilosophie werden." Weitere Ideen wie Teilzeitangebote oder dass Beschäftigte ab 55 nicht mehr Wechselschicht arbeiten müssen, hat er schon im Kopf. Das Projekt steht für ihn unter dem Motto "Wer sich wohl fühlt, leistet mehr": "Und dann geht es eben auch bis 67: wenn man sich an seinem Arbeitsplatz wohl fühlt, da gerne hinkommt und sagt, ich kann das auch schaffen." Wenn die Beschäftigten zufriedener sind, so Markmann, dann sind sie motivierter und leistungsfähiger und somit für das Unternehmen effizienter. Und damit hätten beide Seiten gewonnen. (Christina Breutner)
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