Weise - Meinung: Deutschland, deine Dokusoaps!
Sie lauern hinter jedem Werbeblock und nehmen mehrere Stunden der Sendezeit der privaten Fernsehsender ein: Dokusoaps und Talkrunden, die in Millionen von deutschen Haushalten gesehen werden und somit oft den Tagesablauf regeln.
Schon das Nachmittags- und Vorabendprogramm diverser Fernsehsender befriedigt beinahe jeden noch so ausgefallenen voyeuristischen Wunsch. Denn beherrscht wird es von sinnfreien Dokusoaps und von hysterischen Talkshows, an die sich noch sinnfreiere Dokusoaps und noch hysterischere Talkshows anschließen. Das dabei Tag für Tag für Tag entstehende schrille Stimmengewirr ist kaum erträglich - und wird dennoch mit immer weiter steigender Einschaltquote konsumiert.
Heute nutzen zahllose Menschen das Fernsehen, um vor den Augen weiterer zahlloser Menschen notfalls ungefragt ihre Beziehungsprobleme zu offenbaren, aus Deutschland auszuwandern, wieder einzuwandern, ihre Wohnung zu renovieren, sich zu ihrer Arbeit als Go-Go-Tänzerin oder -Tänzer zu bekennen, ihr Körpergewicht zu reduzieren, über ihre Schönheitsoperation zu diskutieren, zu heiraten (Sendungsverlauf: Werbung, Ja-Wort, Werbung), neuerdings auch ihre Ehefrauen zu tauschen und, und, und... - Ein Volk, so scheint es, will mit einer unglaublichen Penetranz im Alltag von sich selbst beobachtet werden.
Walter Wüllenweber, einer der streitbarsten "stern"-Autoren, hat in seiner mehrfach ausgezeichneten Reportage Das wahre Elend bereits im Dezember 2004 dieses Interesse an "mehr Nachmittagsgeplapper, mehr Gewalt, mehr Trash" (1) mit den Worten umschrieben: "Du bist, was du glotzt." (2) Diese auch vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Hannover konstatierte "mediale Verwahrlosung" (3) hat gravierende Auswirkungen auch auf die private Situation vieler erwerbsloser Menschen.
Dazu ein abschließendes Wort aus der Perspektive des Personalberaters und -vermittlers: Der erste von allen wesentlichen Schritten auf dem oftmals harten Weg zu einem neuen Arbeitsplatz führt in den meisten unterbrochenen Erwerbsbiographien weg vom eigenen Sofa. Es ist eine ungern gehörte These, aber sie ist meiner Meinung nach zutreffend: Auch die in vielen deutschen Wohnzimmern verbreitete frustrierte und dennoch genügsame Lethargie steht heute einer erfolgreicheren wirtschaftlichen Entwicklung im Wege.
Denn was ließe sich an einem einzigen Nachmittag, der vor dem niveauarmen Fernsehtalk verbracht wird, nicht alles zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation tun? Es ließe sich zum Beispiel ein aktueller Bewerbungsratgeber lesen, die Suche nach geeigneten Weiterbildungsmaßnahmen beginnen, die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern oder, oder, oder... - Zu den oft eingeforderten ermutigenden Perspektiven auf dem deutschen Arbeitsmarkt kann auch jeder erwerbslose Mensch beitragen. Das aber beginnt heute oftmals mit der Bereitschaft, im wahrsten Wortsinne einfach einmal abzuschalten und von sich aus in wachem Geiste wieder aktiv zu werden.
Detlev Weise - Initiator von 20jahre.com - "Menschen mit Erfahrung"
Anmerkungen
(1) S. Wüllenweber, Walter: Das wahre Elend in: Stern 52 / 2004 vom 16. Dezember 2004, S. 166.
(2) S. Wüllenweber, Walter: Das wahre Elend in: Stern 52 / 2004 vom 16. Dezember 2004, S. 166.
(3) S. Wüllenweber, Walter: Das wahre Elend in: Stern 52 / 2004 vom 16. Dezember 2004, S. 166.
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