Weise - Meinung: Jung, dynamisch, unerfahren (1)
Gedanken zur personalpolitischen Zukunft in der Consultingbranche - Teil I: Ein gefahrvoller Jugendwahn
Aus ganz verschiedenen Ursachen werden viele Unternehmensberatungen heute mit sehr kritischen Fragen konfrontiert. Wie man das konkrete wirtschaftliche Vorgehen der diversen Consultingfirmen gegenüber ihren Klienten auch beurteilen mag: Ein zentraler personalpolitischer Aspekt wird die derzeit boomende Consultingbranche in den kommenden Jahren vor große strukturelle Probleme stellen – und zwar das durchschnittliche Alter der zumeist jungen Unternehmensberater. Die damit verbundenen geringen beruflichen Erfahrungswerte lassen erkennen, dass selbst die bedeutendsten Consultingfirmen definitiv zu jung sind, als dass sie sich den vielen Herausforderungen des "älter werdenden" Arbeitsmarktes mit der erforderlichen Expertise stellen könnten.
Es ist auch die bewusste Jugendlichkeit, aufgrund derer eine zunehmende Zahl an etablierten Firmen der externen Unternehmensberatung zu misstrauen beginnt – zumal in einer wechselvollen Zeit, in der nicht zuletzt die wirtschaftliche Zukunft vom "demographischen Wandel" bestimmt wird. Senior Consultants, die wenig mehr als 30 Jahre alt sind, fungieren gegenwärtig bei diversen Beratungsmaßnahmen bereits als eigenverantwortliche Projektleiter und bilden somit in zahlreichen Unternehmensberatungen eine nicht geringe Zahl unter den vielen Angestellten. Jürgen Kluge, der ehemalige Deutschlandchef der weltweit beratenden McKinsey & Company Corporation, hat die Legion der exzellenten jungen Hochschulabsolventen, aus denen nicht nur sein Unternehmen stets die neuen Unternehmensberater rekrutiert, sogar als "die Avantgarde mit unverstelltem Blick" bezeichnet. (1) – Sogleich ließe sich als advocatus diaboli fragen, ob der zu diesem Zeitpunkt bereits 50 Jahre alte deutsche Topmanager damit selbst nicht einen verstellten Blick auf den akademisch exzellent geschulten Berufsnachwuchs im eigenen Business geworfen hat.
"Methodisches Wissen contra praktische Erfahrung" beziehungsweise "Praktische Erfahrung contra methodisches Wissen", auch vor diesen Prinzipien wird der Streit um die Zukunft in verschiedenen Branchen der freien Wirtschaft ausgetragen. Allein die großen Unternehmensberatungen haben sich an diesem kritischen Dialog bis jetzt noch nicht beteiligt: "Teams von Milchgesichtern erklären erfahrenen Vorständen und Firmenpatriarchen, was sie falsch gemacht haben." (2) – Mit diesen sarkastischen Worten hat Wolfgang Gehrmann vor wenigen Jahren eines der zentralen Dilemmata beschrieben, das sich im dienstlichen Kontakt zwischen vielen Unternehmensberatungen und den von ihnen beratenen Klienten immer wieder offenbart. Gehrmann, einer der profiliertesten deutschen Wirtschaftsjournalisten, konstatierte sogleich mit knappen Worten jedoch auch: "Der Jugendwahn ist gewollt." (3)
Man mag den bewusst plakativen Tonfall kritisieren, doch exakt dieses gilt in vielen Consultingunternehmen noch heute. Das ist ein umso bemerkenswerterer Sachverhalt, weil der schon alte Traum von der ewigen Jugend eben nicht mehr ist als nur ein Traum – und noch dazu nicht einmal ein besonders angenehmer, wenn man an den "älter werdenden" deutschen Arbeitsmarkt denkt, der die unverzichtbaren Erfahrungswerte der Generation "50 plus" bis vor kurzer Zeit allzu oft verkannt hat.
Julia Friedrichs, eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin der ARD, widerstand einst der Versuchung, jenen lukrativen Vertrag zu unterschreiben, den ihr eine der renommiertesten Consultingfirmen für einen beruflichen Einstieg unterbreitete. Sie ist danach in Gestatten: Elite, ihrem bemerkenswerten ersten Buch, den ersten Akademikergenerationen begegnet, die durch die schulische Lebensphase hinter fest verschlossenen Internatstoren und die zeitintensiven Studienjahre an einer oder verschiedenen privaten Hochschulen direkt zu den großen Unternehmensberatungen gestrebt sind. Dabei ist es ihr gelungen, eine berechtigte zentrale These zu formulieren, mit der sie selbst die renommiertesten Beraterfirmen hinterfragt: Wie kann einem 25 Jahre alten Hochschulabsolventen ohne berufliche Erfahrung ein verantwortungsvolles Consulting gelingen, wenn dieser aus einer privaten Hochschule in eine große Unternehmensberatung wechselt und viele konkrete Probleme des deutschen Arbeitsmarktes nur aus der wissenschaftlichen Theorie kennt? – "Was mich an der zukünftigen Elite so stört, ist, dass sie das Recht einfordert, für andere Verantwortung zu übernehmen. In andere Leben eingreifen zu dürfen. Zu wissen, was für diese Menschen richtig ist. Ohne sie zu kennen“ (4), schreibt Friedrichs daher in einer der besten Textpassagen ihres kritischen Erfahrungsberichtes.
(Lesen Sie hier: Teil II: Eine konstruktive Neuorientierung)
Detlev Weise - Initiator von 20jahre.com - "Menschen mit Erfahrung"
Anmerkungen
(1) S. Tietz, Janko: Unternehmen Jugendwahn in: Der Spiegel 17 / 2004 vom 19. April 2004, S. 94.
(2) S. Gehrmann, Wolfgang: Rauf oder raus in: Die Zeit 49 / 2002 vom 5. Dezember 2002, S. 26.
(3) S. Gehrmann, Wolfgang: Rauf oder raus in: Die Zeit 49 / 2002 vom 5. Dezember 2002, S. 26.
(4) S. Friedrichs, Julia: Gestatten: Elite, Hoffman und Campe Verlag, Hamburg 2008 (1. Aufl. der gebundenen Ausgabe), S. 182.
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